Ich glaube ich habe Wehen! Oh nein bitte noch nicht, bitte nicht jetzt! Meine Haare sind fettig und ich hab mich noch nicht rasiert. Ab ins Bad! Duschen, rasieren, Haare waschen. Man weiß ja nie, wer im Kreißsaal vorbeischaut. Danach Make-up. Dezent, aber frisch. Nebenbei dem Partner hektische Anweisungen machen: „Kannst du bitte den Klinikkoffer checken? Habe ich die Still-BHs eingepackt? Hast du die Playlist erstellt? Wo ist überhaupt mein Haargummi? An Ausruhen wird keine Sekunde gedacht. Wir sind es gewohnt, aktiv zu sein, zu reagieren, zu erledigen. Entspannung? Die steht irgendwo ganz unten auf der Liste. Doch Geburt funktioniert nicht über To-do-Listen. Sie funktioniert über Loslassen. Über Vertrauen. Über ein Nervensystem, das sich sicher genug fühlt, um den Muttermund zu öffnen. Der Muttermund ist die untere Öffnung der Gebärmutter, sozusagen die Tür, durch die dein Baby bei der Geburt hindurch muss. Stell dir den Muttermund wie ein Muskelring oder technisch wie eine Kamera-Blende vor: Er öffnet sich langsam mit jeder Wehe (mal mehr und mal weniger) bis auf 10 Zentimeter und am besten, wenn du dich sicher, ruhig und geschützt fühlst.
Kennst du das, wenn du im Urlaub bist, alles ist wunderschön, das Frühstücksbuffet ist fantastisch… und dein Darm sagt: Nö. Kein Stuhlgang. Tagelang. Warum? Weil dein Nervensystem sich erst einmal entspannen und an dem neuen Ort sicher fühlen muss. Dein Körper braucht ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, damit der sogenannte Parasympathikus aktiv wird, das ist der Teil deines Nervensystems, der für Rest-and-digest (entspannen und verdauen) zuständig ist. Der Knackpunkt ist: Geburt funktioniert recht ähnlich. Dein Muttermund öffnet sich erst, wenn DU dich entspannst und nicht, wenn du eine vaginale Untersuchung mit zehn fremden Menschen im Raum ertragen musst. Die Atmosphäre, die du für deine Geburt anstreben solltest, ist wie auf deiner eigenen Toilette zu Hause (und das meine ich nicht herabwürdigend!).
Ich erkläre dir auch gerne woher das alles mit der Entspannung so kommt: Stell dir vor, unsere Vorfahrinnen gebaren nicht in einem Kreißsaal, sondern in der Wildnis ohne Hilfe. Unter solchen Bedingungen ist es für Mutter und Kind überlebensnotwendig nicht zur falschen Zeit und auch nicht am falschen Ort zu gebären. Eine Geburt muss sich, zum Schutz des Babys unterbrechen lassen, damit es dem Säbelzahntiger im schlimmsten Fall nicht vor die Füße geboren wird.
Die Umgebung, in der geboren wird, muss also frei von Gefahren sein.
Heutzutage sind unsere alltäglichen Gefahren aber keine Naturkatastrophen oder wilden Tiere mehr, sondern Arbeitstress, Konflikte, fremde Menschen, Lautstärke, grelles Licht oder andere subjektive Bedrohungen. Der Sympathikus ist der Teil des vegetativen Nervensystems, der in Stress- oder Gefahrensituationen aktiv wird und Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Da sich diese Sympathikus und Parasympathikus nicht gleichzeitig voll entfalten können, kann starker Stress oder Angst die natürlichen Geburtsprozesse behindern. Wenn sich unser Sympathikus einschaltet, lässt die Wehenstärke oder Wehenfrequenz nach, die Gebärmutter wird schlechter durchblutet und die Gebärende verspannt ihren Beckenboden. Nicht selten kann schon die Fahrt ins Krankenhaus den Geburtsmodus unterbrechen, weil die Autofahrt unbequem oder schmerzhaft ist und die Gebärende durch das, was in der Umwelt passiert, abgelenkt wird. Deswegen sollte auch immer die Begleitperson den Papierkram und die Kommunikation übernehmen, damit du als Gebärende ganz bei dir und deinem Baby bleiben kannst. Das ist wichtig, weil der Muttermund sehr sensibel auf deinen Stress reagiert. Schaltest du in den „Kampf-oder-Flucht-Modus“, weil du um dein versprochenes Familienzimmer diskutieren musst, kann dein Muttermund sich sogar wieder zusammenziehen. Unser Körper funktioniert noch nach evolutionären Mechanismen während sich unsere Welt immer mehr verändert hat. Während der Geburt braucht er etwas, das in unserem durchgetakteten Alltag ungefähr so selten geworden ist wie ein Stau-freier Montagmorgen, nämlich die Aktivierung des Parasympathikus. Also diesen wunderbaren Zustand, in dem unser Körper denkt: „Alles ist sicher. Du darfst loslassen.“
Wir leben in einer Welt, in der Multitasking als Auszeichnung gilt. Sitzen wir mal 10 Minuten still, kommt sofort ein inneres „Ich-sollte-noch…“. Kein Wunder also, dass viele Frauen bei der Geburt plötzlich merken: Entspannen ist gar nicht so einfach, wenn es nichts mit dem Sofa oder dem Fernseher zu tun hat.
Und hier fängt auch der Irrglaube zu Entspannung an. Entspannung ist ein aktiver Prozess und hat nichts mit Couch, Film, einem schicken Getränk und Füße hoch zu tun. Das ist keine echte Entspannung. Das ist eine Betäubung mit Reizen. Während du denkst, du kommst endlich mal runter, ist dein Nervensystem im Hintergrund damit beschäftigt, all die Bilder, Geräusche und Informationen zu verarbeiten. Und das kostet Energie. Oft sogar mehr, als es dir gibt.
Wahre Entspannung fühlt sich nicht wie Ablenkung an, sondern wie ein Ankommen in dir. Es ist bewusste Wahrnehmung und das Zeit nehmen für das was gerade ist.
Entspannung muss geübt werden, sie ist wie ein Muskel und kann trainiert werden – sei es mit Affirmationen, Musik, Atemübungen, Yoga, progressiver Muskelentspannung oder einfach durch bewusste Pausen im Alltag. Was auch immer es ist: Finde es. Übe es. Mach es zur Gewohnheit.
Du wünschst dir eine Geburt in Vertrauen?
Ich begleite Schwangere und ihre Familien in Heddesheim, Viernheim, Weinheim, Ladenburg, Schriesheim, Mannheim, Heidelberg und Umgebung mit fundiertem Wissen, individueller Vorbereitung und persönlicher Begleitung. Jede Geburt ist einzigartig. Deshalb beginnt unsere Zusammenarbeit mit einem unverbindlichen Kennenlernen, bei dem wir über deine Wünsche, Fragen und Vorstellungen sprechen.
